Kapitel 1: Schloss Weissenstein bei Pommersfelden

Impliziert ein Geheimtipp neben seinem begehrenswerten Inhalt auch, dass niemand von ihm weiß, weil er beinahe unerreichbar ist? Zumindest Google enthält sich jeglicher Vorschläge für öffentliche Verkehrsmittel, wenn man die Route von Berlin nach Pommersfelden eingibt. Mit dem Auto ist der Ort zwischen Bamberg und Nürnberg im fränkischen Land schon besser zu erreichen.

Und bereits bei der Anfahrt wird dem kunstinteressierten Abenteurer bewusst, dass er diesem Tipp sicher nicht umsonst gefolgt ist: Majestätisch erhebt sich ein barockes Schloss über das Dörfchen und sorgt für Ver- und Bewunderung: wie kommt ein solcher Prachtbau in diese ländliche Gegend? Die Antwort liegt ein paar hundert Jahre zurück in der Familiengeschichte der Grafen von Schönborn, die heute noch im Besitz des Schlosses Weissenstein sind.

Lothar Franz von Schönborn

Dessen Erbauer war Lothar Franz von Schönborn (1655-1729). Er zählte zu den mächtigsten Männern der deutschsprachigen Länder, war Fürstbischof von Bamberg, Erzbischof von Mainz - damit zugleich Kurfürst - und stand in diplomatischen Diensten des habsburgerischen Kaisers in Wien; krönte selbst Kaiser Karl VI. 1697 im Frankfurter Dom. Lothar Franz war ein wohlhabender und politisch hochrangiger Mann, der seinen Status in der Gesellschaft mit dem Bau mehrerer Schlösser und Kirchen Ausdruck verleihen wollte. Schloss Weissenstein spiegelt neben Repräsentationsbedürfnis auch das Vergnügen des Grafen an zeitgenössischen Bauaufgaben und seine Leidenschaft als Kunstmäzen. Er beschäftigte mehrere Hofmaler und brachte seine eigenen Ideen in die Planung ein, besonders in die des ungewöhnlich weiträumigen Treppenhauses; ein Unikum der deutschen Barockarchitektur. Mit der (Aus)gestaltung der privaten Sommerresidenz lag Lothar Franz auf der Höhe seiner Zeit, auch andere deutsche Fürsten errichteten sich prunkvolle Residenzen. Eine Sonderstellung nimmt Weissenstein hinsichtlich der Präsentation von Kunstwerken ein: Lothar Franz plante für seine Gemälde eigene Räumlichkeiten, die sowohl gut von seinen Privatgemächern aus zu erreichen sein sollten als auch für Besucher vom Haupteingang aus - sodass diese auch bei Abwesenheit des Fürsten in den Genuss seiner Kunst kommen konnten. Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden so die ersten reinen Gemäldegalerien, z.B. in Düsseldorf (unter Johann Wilhelm von der Pfalz), Dresden (unter August dem Starken) oder Salzdahlum (unter Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel).

Gemäldesammlung

Gerade die Galerie in Pommersfelden zeichnet sich durch höchste Qualität aus. Quantitativ liegen die (Nord- und Süd-)Niederländer vorn. Dennoch zeichnet sich die Sammlung Schönborn nicht nur durch diese aus - auch bei den Italienern findet man die bedeutendsten Namen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts unter den Künstlernamen. Die Künstlerin Artemisia Gentileschi ragt unter vielen anderen bekannten Namen wie Bellucci und Pellegrini hervor.

Der Bestand der Gemäldesammlung ist über die Jahrhunderte hinweg beinahe komplett erhalten geblieben und geht zum größten Teil auf die Sammelleidenschaft von Lothar Franz zurück. Dieser hat Beginn des 18. Jahrhunderts den flämischen Maler Jan Joost van Cossiau damit beauftragt, für ihn Kunst einzukaufen. Amsterdams Auktionswesen florierte in dieser Zeit; 1713 wurde die Sammlung des englischen Königs und niederländischen Statthalters Willem III. von Oranien versteigert. Ein Ereignis, das Fürsten aus ganz Europa in die Stadt am Ijsselmeer zog - so auch den Agenten von Lothar Franz. Hier konnte er z.B. die "Caritas" von Rubens und zwei Gemälde von Van Dyck erwerben, die heute in Schloss Weissenstein zu den Höhepunkten der Sammlung gehören. Ferner hatte der Schönborner Graf eine Vorliebe für die kraftvollen Kompositionen der Utrechter Caravaggisten. Mehrere Bilder von Gerard van Honthorst bereichern diese Sammlung - der aufgrund seiner Vorliebe für mit Kerzen beleuchteten Nachstücken in Italien "Gerardo della Notti" genannt wurde. Eine monumentale "Anbetung der Hirten" von Joachim Wtewael gehört zu den besten Gemälden dieses Meisters. Mit Cornelis Cornelisz van Haarlem und Maerten van Heemskerck verdeutlicht er exzeptionell die manieristische Ausrichtung der niederländischen Kunst. Selbst ein Vermeer befand sich bis 1867 im Besitz der Familie Schönborn - heute in der National Gallery in London. Auch ein weiteres Highlight zeigt die aktuelle Anziehungskraft der Sammlung auf Museen: erst seit kurzem kann das Rijksmuseum in Amsterdam ein Gemälde von Gerard van Honthorst ausstellen, was sich einmal in der Schönborner Galerie befand. Es wurde dem Museum von einem Privatsammler als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt und leistet nun dem außergewöhnlich unkonventionellen Ehepaarbildnis von Frans Hals frivole Gesellschaft in der Ehrengalerie.

Der Gesamteindruck bleibt bis dato überwältigend und repräsentiert die deutschlandweit größte barocke Gemäldesammlung, die sich in Privatbesitz befindet. Sämtliche "Must-haves" der europäischen Kunstgeschichte sind vertreten.

Weissenstein zählt zu den am besten erhaltenden Schlossanlagen seiner Epoche (erbaut 1711-1718), es gilt als Markstein der deutschen Barockarchitektur. Dank der Großzügigkeit der Familie Schönborn kann nicht nur das Schloss und die Sammlung während der Sommermonate besichtigt werden - und so der Eindruck eines barocken Gesamtkonzepts gewonnen werden. Junge Musiker/innen aus ganz Europa haben hier seit 1958 während einer 4-wöchigen Sommerakademie die Chance, gemeinsam zu arbeiten und die Ergebnisse in Konzerten zu präsentieren. Kunstgenuss mit allen Sinnen!

Text: Lisanne Wepler
Website Schloss Weissenstein

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