Kapitel 2: Schloss Wilhelmshöhe mit der Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel

Kassel ist weltberühmt - 100 Tage alle fünf Jahre findet die documenta statt, die bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Natürlich bietet die Zeit zwischen den "documenten" auch eine Fülle an kulturellen Angeboten, nicht zuletzt mit der Museumslandschaft Hessen-Kassel, deren Name schon auf die Vielfalt zu besuchender Museen hinweist.

Die Liebe zu Kunst und Kultur ist bei den Kasselänern tief in der Geschichte der Stadt verwurzelt. Wie in vielen Städten verraten auch hier die Straßennamen oder Gebäudebezeichnungen einiges über Kassels Berühmtheiten: Stadtteil Wilhelmshöhe, Königsstraße, Friedrichsplatz, Karlsaue, Schloss Wilhelmshöhe. Allein diese Namen verweisen auf Höhepunkte in Kassels Geschichte: Landgraf Karl (1654-1730), der die Stadt nach dem Dreißigjährigen Krieg in eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte führte und das Stadtbild wesentlich prägte mit der Anlage der Karlsaue und des Bergparks. Sein Enkel Landgraf Friedrich II. (1720-1785), Fürst der Aufklärung, Namensgeber für das Fridericianum (erbaut 1779 als erster Museumsbau auf dem europäischen Kontinent).

Vater Friedrichs und Sohn Karls war Landgraf Wilhelm VIII. (1682-1760). Europaweit war er bekannt für seine Leidenschaft als Sammler und Förderer der Künste. Die verwandtschaftliche Beziehung zum niederländischen Haus der Oranier, 1699 wurde Willem III. der Taufpate Wilhelms, schuf ein starkes Band mit den Niederlanden. Vor allem die Reisen durch die Sieben Provinzen führten ihm das Überangebot an hervorragenden Gemälden vor Augen; in herrschaftlichen Patrizierhäusern ebenso wie Palästen der Oranier. Er schlug Wurzeln in seiner Wahlheimat, wurde 1713 Gouverneur von Breda und 1723 von Maastricht, lernte Holländisch sowie Kunst und Kultur bestens kennen.

Niederländische Maler

Das Netzwerk war und blieb hervorragend - auch als Wilhelm 1730 zurück nach Kassel beordert wurde, um dort die Statthalterschaft für seinen mittlerweile zum schwedischen König aufgestiegenen Bruder Friedrich zu übernehmen. Schließlich wurde Wilhelm nach dem Tod Friedrichs 1751 selbst zum Landgrafen von Hessen-Kassel. Er beschäftigte niederländische Maler an seinem Hof wie Philip van Dyck, der auch in seiner Funktion als Kunsteinkäufer für seinen Auftraggeber tätig war und dessen Werk er bereits aus dem Stadtpaleis Huis Schuylenburg in Den Haag kannte, heute Sitz der Deutschen Botschaft. Einer der berühmtesten Künstler des 18. Jahrhunderts und Zeitgenosse war der Rotterdamer Maler Adriaen van der Werff - zum Ritter geschlagen und Hofmaler von Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716) - von dem Wilhelm Mitte des 18. Jahrhunderts einen ganzen Dekorationszyklus erwerben konnte. Von dem zehn Teile zählenden Zyklus sind vier Stücke 1941 während eines Bombenangriffs zerstört worden - die restlichen sechs großformatigen Gemälde kann man heute im Florasaal des Schlosses Wilhelmshöhe, den die Gemäldegalerie Alte Meister beherbergt, betrachten.

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Rembrandt und Rubens

Typisch für den Geschmack eines fürstlichen Sammlers des 18. Jahrhunderts ist die Faszination für die Jagd und für Pferde überhaupt - was in Kassel anhand der 23 (!) Gemälde von Philips Wouwerman (1619-1668) zum Ausdruck kommt. Auch die Blumenstillleben von z.B. Abraham Mignon (1640-1679), Jan Davidsz de Heem (1606-1684) und Coenraet Roepel (1678-1748) passen in dieses Bild. Kaum zu glauben - aber Gemälde von Rembrandt standen damals preislich weit unter derartigen Stillleben! Doch die wahren Kenner sahen dies eher als günstige Gelegenheit, in den Besitz eines echten Rembrandts zu kommen. In den Kasseler Inventaren des 18. Jahrhunderts sind gleich 34 Werke Rembrandts verzeichnet. Sieht man von späteren Umbenennungen und Kriegsverlusten ab, so kann sich Kassel nach dem Rijksmuseum in Amsterdam und der Berliner Gemäldegalerie als jenes Museum mit den "drittmeisten" Werken Rembrandts weltweit rühmen. Ein Hauptwerk aus Rembrandts reifer Zeit von 1656, der "Segen Jakobs", bildet gegenüber von Rubens´ Altar der "Reuigen Sünder" Anfangs- und Endpunkt der Sichtachse durch das dritte Obergeschoss der Galerie.

Saskia van Uylenburgh

Einer der Publikumslieblinge ist dabei sicherlich die legendäre "Saskia" - im Andenken an seine früh verstorbene Frau hat Rembrandt dieses Porträt im historischen Kostüm gemalt. Berühmte Schüler Rembrandts wie Wilhelm Drost, Nicolaes Maes, Govert Flinck, Ferdinand Bol und Jan Victors vervollständigen die Sicht auf den Amsterdamer Meister und seinen Einfluss. Auch die flämischen Nachbarn sind zahlreich vertreten in der Gemäldegalerie mit Werken von Peter Paul Rubens (1577-1640) und dessen Zeitgenossen Anthonis van Dyck (1599-1641) und Jacob Jordaens (1593-1678). Eines der sieben Gemälde des Haarlemer Porträtisten Frans Hals (um 1585-1666) verdeutlicht, warum man sich noch heute für den Flüchtling aus Antwerpen begeistern kann: der skizzenhafte Farbauftrag und die lebendige Ausstrahlung des "Mannes mit dem Schlapphut" sind Markenzeichen des Künstlers.

Schloss Wilhelmshöhe

Auch Napoleon wusste die Sammlung (leider) sehr zu schätzen und entführte sie nach Paris. Etliche Gemälde kehrten nach seinem Sturz nicht mehr zurück (382); viele von ihnen zieren nun berühmte Sammlungen in der Welt. Z.B. hängen zwei Gemälde Rembrandts nun in der Eremitage in St. Petersburg und in der Sammlung der Queen im Buckingham Palace.

Doch ein Gros der Sammlung ist bewahrt und repräsentiert die Vorliebe eines Fürsten für die nordniederländische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Seit 1974 sind die Gemälde im Schloss Wilhelmshöhe untergebracht. Dieses liegt im Bergpark, der 2013 zum Weltkulturerbe ernannt wurde und nicht erst seitdem ein beliebtes Ausflugsziel darstellt. Extra hierfür erweiterte die Stadt Kassel das Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs, man gelangt nun vom Bahnhof Wilhelmshöhe mit der Tramnummer 1 in den Bergpark und von dort pendeln Busse bis fast vor die Schlosstür. Die Mühen des Aufstiegs zu den Alten Meistern können nun also nicht mehr als Ausrede dienen, bei der Durchfahrt von München nach Berlin keinen Zwischenstopp für diese exzellente Sammlung eingelegt zu haben.

Adresse: Schloss Wilhelmshöhe, Schlosspark 1, Kassel
Telefon: +49 (0)561 3 16 80-0

Text: Lisanne Wepler

Gemäldegalerie Alte Meister-Kassel
Gemäldegalerie Alte Meister-Kassel
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