Kapitel 3: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig

Am 23. Oktober 2016 ist es endlich soweit: eine der bedeutendsten alten fürstlichen Sammlungen Deutschlands erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf. Nach sieben Jahren Renovierungszeit öffnet das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig wieder seine Tore.

Den langen Namen verdankt es einem Fürsten aus dem Welfengeschlecht - Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633-1714). Er hat im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert den überwiegenden Teil der Kunstschätze zusammengetragen, die bis heute das Museum charakterisieren (einen Überblick erhält man hier). Aber nicht nur das: exzeptionell steht dieses Museum für den Kunstgeschmack, das Repräsentationsbedürfnis und die Sammelleidenschaft eines Mäzens und europaweit agierenden Fürsten des 17. Jahrhunderts auf Topniveau. Alles, was um 1700 en Vogue war und in einen fürstlichen Haushalt gehörte, findet man hier: technische Wunderwerke wie Uhren oder Automaten, antike Skulpturen, kostbare Elfenbeinstatuetten, Bronzefiguren, wertvolle asiatische Lackmöbel und flämische Kabinettschränkchen, farbenprächtige Maler-Emails aus Limoges, die größte und älteste Majolika-Sammlung Deutschlands, Myriaden von Münzen - um nur einige der Sammelgebiete zu nennen. Grafik durfte ebenfalls nicht fehlen (diese hervorragende Sammlung ist zu großen Teilen online zugänglich) und als Krönung der Sammlung: die Gemälde.

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Ungewöhnlich hoch ist die Anzahl an großformatigen Historiengemälden. Herzog Anton Ulrich hatte für sie ein besonderes Faible; vor allem, wenn diese aus den Niederlanden stammten. Hierher zog es viele europäische Fürsten von Rang und Namen, Amsterdam war die Metropole für den europäischen Kunsthandel. 1713 fand einer Art Auktion der Superlative statt, zu der sich auch der 80-jährige Herzog im Hochsommer noch aufmachte: Am 26. Juli wurde die Kunstsammlung Willems III. von Oranien (1650-1702), Statthalter der Niederlande und König von England, versteigert. Doch nicht erst seitdem unterhielt Anton Ulrich enge Kontakte zur niederländischen Kunstwelt; mittels seiner Agenten war es ihm möglich, Werke der bedeutendsten Künstler der Zeit für seine Galerie zu sammeln. Die "Mona Lisa" des Herzog Anton Ulrich-Museums ist wohl unbestritten Rembrandts Familienporträt (s. Abbildung). Auch wenn rund 350 Jahre zwischen dem Porträt und uns liegen, sind die subtilen Emotionen der Protagonisten, die Rembrandt späten Stil so einnehmend machen, unmittelbar zu spüren. Auch der direkte Umkreis Rembrandts ist in der Galerie vertreten. Von Pieter Lastman beispielsweise, Rembrandts Lehrer, der auf dem deutschen Kunstmarkt im 18. Jahrhundert selten zu haben war, besitzt das Museum gleich drei Historiengemälde. Weiterhin zeigt sich die Spürnase des Herzogs für anspruchsvolle Kunst auch im Ankauf zweier großformatiger Gemälde von Jan Victors, einem Lehrling Rembrandts: Haman bittet Esther um Gnade und Das Opfer Abrahams. Ein großes und außerordentlich schönes Gemälde eines anderen Schülers, Ferdinand Bol, ist ebenfalls bald wieder zu bewundern: Mars und Venus (s. Abbildung.).

Doch Anton Ulrichs Geschmack trafen auch lebende Künstler der Zeit um 1700. Der beliebteste Maler dieser Zeit, der Hofkünstler von Johann Wilhelm von der Pfalz, Adriaen van der Werff aus Rotterdam, stand ebenfalls auf der Einkaufsliste des Herzogs. Er wurde vor allem wegen seiner unglaublich feinen Malerei bewundert, die selbst mit der Lupe besehen keinen Pinselstrich erkennen ließ und dem Gemälde den Anschein einer emaillierten Fläche gab.

Neben den Historiengemälden sind auch Genrestücke in der Galerie vertreten. Eines der größten Bilder Jan Steens z.B., Die Hochzeit des Tobias, und einige Gemälde der Utrechter Caravaggisten Gerard van Honthorst und Jan van Bijlert. Aber die Liste wäre nicht komplett, stünde der sagenumwobene Johannes Vermeer aus Delft nicht darauf. Das Gemälde Das Mädchen mit dem Weinglas befindet sich seit Beginn des 18. Jahrhunderts in der Sammlung und gehört damit zu den allerersten Werken Vermeers, die von deutschen Fürsten angekauft wurden. Und nicht nur das: im ersten Inventar der Sammlung, um 1710 verfasst, taucht Vermeer sogar unter seinem richtigen Namen auf - was nicht selbstverständlich war. August III. in Dresden z.B. erwarb zwei Gemälde Vermeers unter falschen Zuschreibungen an Honthorst und Rembrandt an. Erst später klärte sich dies zur Freude aller auf.

Doch nicht nur Vermeer-Liebhabern ist ein Besuch der Galerie anzuraten - das Herzog Anton Ulrich-Museum hält mit seiner Vielfalt und hohen Qualität der Kunstwerke für jeden Geschmack einen Augenschmaus bereit.

Besucherinfo

Ab dem 23.10.2016:
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mo voraussichtlich geschlossen

Herzog Anton Ulrich-Museum
Museumstraße 1
38100 Braunschweig
Telefon: 0531 – 1215-0
Email: info.haum@3landesmuseen.de
Text: Lisanne Wepler

Ferdinand Bol, "Mars und Venus"

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Rembrandt van Rijn, Familienporträt

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