Kapitel 4: Die Gemäldegalerie in Berlin

Zunächst ein paar Superlative:

  • der Bestand an Altniederländern des 14. und 15. Jahrhunderts zählt - weltweit – zu den bedeutendsten und qualitätvollsten
  • die Berliner Galerie besitzt mit 16 anerkannten Gemälden Rembrandts - ebenfalls weltweit - die zweitgrößte Sammlung nach dem Rijksmuseum Amsterdam
  • von Vermeer besitzt sie sogar 2 seiner ca. 35 nur Werke erhaltenen Gemälde im Besitz
  • und nicht zuletzt: in der Berliner Gemäldegalerie nahm die Fachwissenschaft der deutschen Kunstgeschichte ihren Anfang

Und der letzte Punkt bestimmte von Beginn an (die Galerie wurde 1830 eröffnet) die Ankaufspolitik und museale Präsentation. Es klingt vielleicht selbstverständlich – aber mit Blick auf andere Galerien Alter Meister in Deutschland wird der Unterschied schnell deutlich. Wo in z.B. Dresden, Braunschweig und Kassel die Sammlungen von fürstlicher Repräsentation und dem Geschmack der Herrscher bestimmt sind, sammelten in Berlin Kunstwissenschaftler nach enzyklopädischen Kriterien.

Die Altniederländer mit ihren farbenprächtigen Altartafeln und realistischen ersten Porträts haben die Berliner Museumsdirektoren besonders fasziniert. Alle großen Namen kann man hier finden; mit Jan van Eyck, Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d. Ä. (Niederländische Sprichwörter) sind nur die bekanntesten aufgezählt. Phantastische Werke sind auch in deren Umkreis entstanden. Ein Schüler Van Eycks, Petrus Christus, hat eines der bezauberndsten Porträts der Kunstgeschichte geschaffen (Abb. 1). Der Monforte-Altar von Hugo van der Goes war das teuerste Gemälde in der Ankaufsgeschichte der Galerie und gibt mit Der Anbetung der Hirten einen sehr guten Eindruck von der lebendigen Figurendarstellung und der verfeinerten Malweise des Künstlers. Ein wichtiges Ereignis für die Ankaufsgeschichte der altniederländischen Gemälde war 1850 die Versteigerung der Sammlung von König Wilhelm II. von Oranien in Den Haag. Hier konnten u.a. zwei Altäre von Rogier van der Weyden erworben werden, die heute als Ikonen der Kunstgeschichte gelten: der Johannesaltar und der Miraflores-Altar.

Die Sammeltätigkeit der Berliner Galerie hat im 19. Jahrhundert wesentlich unsere Vorstellung von niederländische Malerei bestimmt. Z.B. war der weltberühmte „Mann mit dem Goldhelm“ in jedem deutschen Haushalt als gerahmte Reproduktion oder sogar Stickbild vorhanden. Seine dunkelbraune Farbigkeit, das leuchtende Gold und der ernsthafte Gesichtsausdruck machten es zu dem Rembrandtbild schlechthin. Erst um 1990 stellte sich heraus, dass dieses Bild gar nicht von Rembrandt, sondern von einem anonymen Werkstattgehilfen gemalt worden ist.

Aber natürlich half das Glück oft, in den Besitz von absoluten Highlights zu gelangen, die auch heute noch als solche gelten. 1874 konnte die gesamte Sammlung Suermondt, eine der damals hochwertigsten Privatsammlung, für die Galerie erworben werden. Unter den rund 200 Gemälden befanden sich unter anderem solche von Rembrandt, Rubens und auch eines der schönsten Gemälde Vermeers: „Junge Dame mit Perlenhalsband“ (Abb. 2).

Der dritte große Niederländer nach Rembrandt und Vermeer – Frans Hals aus Haarlem - war hier ebenso gut vertreten. Dieser Künstler war (und ist) ebenso wie Rembrandt besonders beliebt wegen seines freien und skizzenhaften, beinahe impressionistischen Farbauftrags. Ein sehr amüsantes Gemälde, ehemals aus der Sammlung Suermondt, zeigt dies beispielhaft: „Malle Babbe“ (Abb. 3). Angeblich ist dies mehr als eine Kneipenszene: Die Gestalt geht wohl zurück auf Barbara Claes aus Haarlem, die in einer sozialen Einrichtung arbeitete, kleinwüchsig war und mit dem Namen Malle (=verrückte) Babbe (von Barbara) gerufen wurde. Eule und Bierkrug sowie das Lachen mit offenem Mund zeichnen die Person auch ohne den historischen Hintergrund als betrunken und närrisch aus.

Natürlich wäre mit der exzellenten Sammlung niederländischer Kunstwerke der Querschnitt durch die europäische Kunstgeschichte vom 13. bis zum 18. Jahrhundert nicht komplett. In den 72 Sälen der Gemäldegalerie sind ebenfalls hochkarätige Werke flämischer (Rubens), spanischer (Velazquez), französischer (Boucher), englischer (Reynolds), deutscher (Dürer) und italienischer (Tizian) Meister zu bewundern. Man sollte sich also viel Zeit nehmen, um durch die Jahrhunderte bildender Kunst zu flanieren.

Besucherinfo

Gemäldegalerie
Kulturforum
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

Text: Lisanne Wepler

Petrus Christus: Porträt einer jungen Frau, um 1470, Öl auf Holz, 29 x 22,5 cm.

Abb. 1: Petrus Christus: Porträt einer jungen Frau, um 1470, Öl auf Holz, 29 x 22,5 cm.

Abb. 2: Johannes Vermeer: Frau mit einem Perlenhalsband, um 1664, Öl auf Leinwand, 55 x 45 cm.

Abb. 2: Johannes Vermeer: Frau mit einem Perlenhalsband, um 1664, Öl auf Leinwand, 55 x 45 cm.

Abb. 3: Frans Hals: Malle Babbe, um 1634, Öl auf Leinwand, 75 x 64 cm.

Abb. 3: Frans Hals: Malle Babbe, um 1634, Öl auf Leinwand, 75 x 64 cm.