Kapitel 5: Das Gartenreich Dessau-Wörlitz

Der Name "Gartenreich" weckt Assoziationen an eine märchenhafte Welt aus alter Zeit voller gewundener Pfade, plätschernder Bäche, verwunschener Schlösser und Wäldern. Tatsächlich ist die Wirklichkeit gar nicht so weit davon entfernt: das Gartenreich Dessau-Wörlitz in Sachsen-Anhalt liegt in einer sehr wasserreichen Region an der Elbe und breitet sich auf einer ca. 142 qkm großen Fläche aus, die von Schlössern, Dörfern und angelegten Parkanlagen durchzogen ist. Im Jahr 2000 bestimmte es die UNESCO zum Weltkulturerbe.

Diese geschlossene (!) Gartenlandschaft ist jedoch nicht nur aufgrund ihres Zusammenspiels von Architektur und kultivierter Natur einzigartig. Sie repräsentiert auch anschaulich die enge dynastische Verbindung der Niederlande mit Deutschland. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg vermählte sich 1646 mit Luise Henriette von Nassau-Oranien und schuf günstige Bedingungen für niederländische Handwerker, Bauern, Fachleute, Architekten und auch Künstler, sich in Brandenburg und Dessau anzusiedeln. Der Grund dafür war, dass das Land nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder langsam aufgebaut werden sollte. Die zweite bedeutende Hochzeit für die Kultur und Ökonomie der beiden Fürstentümer fand 1659 statt, als die Schwester von Luise Henriette, Henriette Catharina von Nassau-Oranien, den Fürsten von Anhalt-Dessau, Johan Georg II. heiratete. Die Eltern der beiden Schwestern waren der Statthalter der Niederlande Friedrich Heinrich von Oranien und Amalia von Solms-Braunfels.

Startpunkt für die Entstehung des Gartenreiches war der Bau von Schloss Oranienbaum (Abb. 1), dem sich die Neustrukturierung der gleichnamigen Stadt (vormals Nischwitz; 1673 taufte Henriette Catharina die Stadt um) und der umliegenden Gärten anschloss. Henriette Catharina konzipierte das Lustschloss gemeinsam mit dem niederländischen Architekten Cornelis Ryckwaert zwischen 1683-1689 auf Basis der Architektur niederländischer Barockpaläste und Herrenhäuser (z.B. Paleis Het Loo und Huis ten Bosch). Auch mit der Innenausstattung schuf sich die Hausherrin im Osten Deutschlands ein kleines Stück Holland; sie ließ Möbel, kostbare Tapeten und Porzellan aus den Niederlanden importieren. In manchen Sälen kann man von der einstigen Ausstattung noch etwas erahnen; seit 2007 ist z.B. die ehemalige Porzellangalerie mit seinen Ledertapeten wieder in all seiner Pracht zu besichtigen. Im 18. Jahrhundert wurden Teile der barocken Gärten in einen englisch-chinesischen Landschaftsgarten umgestaltet. Noch heute findet man dort eine der längsten Orangerien Europas, die seit 1812 in Benutzung ist.

Natürlich durften die Gemälde in einem solchen Lustschloss nicht fehlen. Sie gelangten vor allem durch den Nachlass von Amalie von Solms-Braunfels nach Oranienbaum und von dort aus weiter in die Familie Henriette Catharinas. Heute sind sie an mehreren Standorten im Gartenreich untergebracht.

In Schloss Mosigkau zum Beispiel. Das im Stil des Rokoko erbaute Schloss (1752-1757) war der Sommersitz von Anna Wilhelmine von Anhalt-Dessau. Einige der Schlossräume sind heute noch im Originalzustand zu besichtigen, wobei der Galeriesaal (Abb. 2) den Höhepunkt bildet. Hier sind die vor allem holländischen und flämischen Gemälde aus dem Erbe der Oranier in lückenloser (=barocker) Hängung präsentiert. Neben einem der schönsten Kinderporträts von Anton van Dyck (Abb. 3), Rubensgemälden und einer umfangreichen Porträtsammlung der anhaltinischen Fürsten (die sich im gesamten Schloss verteilt) gibt es z.B. ein für Mopsliebhaber interessantes Gemälde von Gerard van Honthorst (Abb.4). Ebenso wie Schloss Oranienbaum verfügt Schloss Mosigkau über einen Garten voller pittoresker Überraschungen, wie z.B. ein Irrgarten und eine Orangerie.

Die Gemälde aus dem oranischen Erbe sind zudem im Wörlitzer Schloss, im Gotischen Haus und in Schloss Georgium untergebracht – der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau. Seit 2011 ist das Georgium jedoch aufgrund von Umbauarbeiten geschlossen (aktuelle Informationen). Eine Auswahl kann man im Museum für Stadtgeschichte besichtigen.

Es gibt darüber hinaus viel zu entdecken und zu erwandern im Gartenreich  – und man begibt sich auf historische Pfade der niederländisch-deutschen Verbundenheit, die bis in unsere Tage reichen. Auf dynastischer Ebene ganz konkret: 1683 heiratete eine der Töchter von Henriette Catharina, Henriette Amalie, den Fürsten von Nassau Dietz und Statthalter von Friesland, Heinrich Casimir II. Von hier aus führt die oranisch-nassauische Linie bis zum heutigen niederländischen Königshaus.

Besucherinfo

Schloss Mosigkau
Geöffnet vom 1. April bis 31. Oktober 2017
April: Samstag, Sonntag, Feiertage: 10:00 - 17:00 Uhr
Mai bis September: Dienstag- Sonntag, Feiertage: 10:00 -17:00 Uhr
Oktober: Samstag, Sonntag, Feiertage: 11:00-17:00 Uhr
Knobelsdorffallee 2-3
06847 Dessau-Roßlau / OT Mosigkau
Tel.: +49 (0)340  521139

Schloss Oranienbaum
Geöffnet vom 14. April bis 8. Oktober 2017
Dienstag–Sonntag, Feiertage: 10:00–17:00 Uhr
06785 Oranienbaum-Wörlitz / Ot Oranienbaum
Tel.: +49 (0)34904  20259
schloss-oranienbaum@ksdw.de

Museum für Stadtgeschichte Dessau
Geöffnet Mittwoch-Sonntag, Feiertage: 10:00-17:00 Uhr
Johannbau
Schloßplatz 3a
06844 Dessau-Roßlau
Tel.: +49 (0)340 2209612

Text: Lisanne Wepler

Abb. 1: Luftbild von Oranienbaum

Abb. 1: Luftbild von Oranienbaum

Abb. 2: Festsaal im Schloss Mosigkau

Abb. 2: Festsaal im Schloss Mosigkau

Abb. 3: Anton von Dyck: Der Kleine Prinz

Abb. 3: Anton von Dyck: Der Kleine Prinz

Abb. 4: Gerard van Honthorst: Lucia Ottilia von Slavata mit Mops

Abb. 4: Gerard van Honthorst: Lucia Ottilia von Slavata mit Mops